Flugangst – und trotzdem die Kontrolle behalten
Im ersten Teil dieser Serie habe ich darüber geschrieben, warum Angstfreiheit für mich kein realistisches Ziel war und wie ich es trotzdem geschafft habe, zu fliegen. In diesem zweiten Teil geht es nun um das, was mir während des Flugs hilft, wenn die Angst präsent ist. Ganz praktisch und aus eigener Erfahrung.
Ich habe gelernt: Flugangst wird nicht kleiner, wenn man dagegen ankämpft. Sie verliert aber an Bedeutung, wenn man im Hier und Jetzt handlungsfähig bleibt.
Aktiv sein statt sich ausgeliefert fühlen
Am besten fühle ich mich, wenn ich während des Fluges eine Aufgabe habe. Immer dann, wenn ich für jemanden Verantwortung trage (zum Beispiel, wenn ich auf ein Kind aufpasse), ist meine Angst spürbar geringer. Nicht, weil sie verschwindet, sondern weil sie nicht mehr oberste Priorität hat.
Angst scheint nur dann gross zu werden, wenn sie meine volle Aufmerksamkeit bekommt. Sobald etwas anderes wichtiger wird, verliert sie an Dominanz. Sie ist dann zwar noch da, aber nicht mehr die Hauptsache.
Bewegung hilft mehr als Ausharren
Stillsitzen und „aushalten“ hat für mich selten gut funktioniert. Was mir stattdessen hilft, ist Bewegung. Kurz nach dem Start aufzustehen, zur Toilette zu gehen, mir die Hände zu waschen, mich im Gang kurz zu strecken. All das signalisiert meinem Körper: Ich bin nicht gefangen. Ich bin handlungsfähig.
Oft ist es erstaunlich banal. Schon ein paar Schritte können die innere Anspannung deutlich senken. Objektiv verändert sich nichts an der Situation, aber ich erlebe meinen Körper wieder als aktiv – und das lockert meinen Körper und meine Gedanken.
Schreiben statt konsumieren
Viele Menschen lesen oder schauen Filme, um sich abzulenken. Bei mir funktioniert das nur halbwegs. Lesen ist zu passiv. Mein Kopf hat dabei zu viel Raum, um wieder bei der Angst zu landen.
Was mir deutlich besser hilft, ist Schreiben. Gedanken aufschreiben, Sätze formulieren, Notizen machen. Mein Gehirn muss dabei produzieren, nicht nur konsumieren. Und solange es produziert, hat die Angst weniger Platz.
Ähnlich gut funktionieren auch ruhige Denkspiele auf dem Handy oder ein Sudoku.
Gedanken vergleichen statt bekämpfen
Bei Panikgedanken stelle ich mir jeweils dieselbe Frage.
Hätte ich den gleichen Gedanken, wenn ich gerade im Zug sässe?
Diese Frage nimmt der Angst ihre Absolutheit. Sie erinnert mich daran, dass nicht jede körperliche Reaktion automatisch eine reale Gefahr bedeutet. Oft relativiert sich das Gefühl schon dadurch, dass ich es in einen anderen Kontext setze.
Ich versuche dabei nicht, mich zu überzeugen. Ich stelle die Frage einfach in den Raum. Meistens reicht das schon.
Mit anderen sprechen
Gespräche schwächen meine Flugangst. Auch belanglose. Schon ein paar Sätze mit der Person neben mir oder ein kurzes Gespräch mit der Crew können viel verändern. Nicht wegen des Inhalts, sondern weil ich mich konzentriere, meine Lippen bewege, meine Atmung stimuliere und mit jemandem interagiere.
Kleine Bedürfnisse ernst nehmen
Banal, aber wirkungsvoll. Wenn ich etwas trinken möchte oder Hunger habe, kümmere ich mich darum, auch wenn es mich etwas kostet. In diesen Momenten ist weniger Raum für Angst. Meine Gedanken haben gerade etwas Anderes zu tun.
Das hat mir eine wichtige Erkenntnis gebracht: Flugangst ist nicht immer das Dringendste. Sie fühlt sich oft so an, aber sie ist es nicht zwingend.
Angst hat Platz – aber nicht die Führung
All diese Dinge haben eines gemeinsam. Sie versuchen nicht, die Angst zu vertreiben. Sie nehmen ihr nur die Führung. Die Angst bleibt da. Aber sie entscheidet nicht mehr, was ich tue. Sie wird wieder zu dem, was sie eigentlich ist: Ein inneres Alarmsystem, dass es wahnsinnig gut meint mit mir, aber manchmal leider etwas übertreibt.
Im nächsten Teil dieser Serie geht es um die Rahmenbedingungen vor dem Flug. Ich schreibe über Vorbereitung, innere Haltung und darum, warum weniger Nachdenken manchmal mehr Ruhe bringt.
Nicht ohne Angst.
Sondern mit ihr unterwegs.
Weiter zu Teil 3: «Wie ich mich emotional auf einen Flug vorbereite.»
Reisen bedeutet für mich seit vielen Jahren mehr als nur von A nach B zu kommen. Es geht um Neugier, um Perspektivwechsel. Und darum, sich nicht von inneren Hürden aufhalten zu lassen. Auch deshalb habe ich VIAMÁS gegründet: aus der Überzeugung heraus, dass Reisen uns wachsen lässt, selbst dann, wenn es sich nicht immer leicht anfühlt.
Diese Serie ist mir persönlich wichtig. Wenn du selbst mit Flugangst lebst oder eigene Erfahrungen gemacht hast, teile sie gerne in den Kommentaren.

