Flugangst – und trotzdem über 400 Flüge
Ich fliege seit vielen Jahren mit Flugangst. Nicht nur mit etwas Nervosität oder leichtem Unbehagen, sondern mit echter Angst. In jungen Jahren hatte ich sogar ausgeprägte Panikattacken. Und trotzdem sass ich bis heute über 400-mal in einem Flugzeug. Wie das möglich ist, erkläre ich dir in dieser Beitragsreihe «Fliegen trotz Angst».
Ich möchte dir kein Buch verkaufen und keinen Kurs anbieten. Ich teile mit dir stattdessen meine persönlichen Erfahrungen als «Flugangsthase». Meine wichtigste Erkenntnis soll dir ganz praktisch bei deiner Flugangst helfen.
Anfangs wünschte ich mir nämlich, ohne Angst fliegen zu können. Das hat aber nie funktioniert. Je mehr Flugangst-Ratgeber ich las, je mehr ich meditierte, je mehr ich versuchte, meine Flugangst loszuwerden, desto verzweifelter wurde ich – und desto stärker wurde meine Angst. Vier Flüge musste ich vor rund 20 Jahren sogar ganz absagen, weil es schlicht nicht ging.
Erst als ich beschloss, dass ich trotz meiner Flugangst fliegen werde, begannen sich die Dinge zu verändern.
Angstfreiheit war kein realistisches Ziel
Das Ziel war fortan nicht mehr, angstfrei zu fliegen. Das wäre in meinem Fall kein realistisches Ziel gewesen. Vielmehr akzeptierte ich, dass starke Angst meine Art ist auf extreme Stresssituationen zu reagieren. Und wenn ich die Welt entdecken wollte, dann würde sie mich halt auf jeder Reise begleiten.
Ich fliege viel. Und mit den Jahren ist aus meiner Beziehung zum Fliegen etwas entstanden, das schwer zu erklären ist. Es entwickelte sich eine Art Hassliebe.
Die Hassliebe zum Fliegen
Ich liebe das Fliegen. Es gibt Momente im Flugzeug, in denen fühle ich mich unendlich frei. Ich schaue aus dem Fenster, sehe grossartige Landschaften unter mir, wunderschöne Wolken und besondere Sonnenuntergänge. In diesen Momenten ist alles ruhig. Alle Sorgen sind weit unten und ganz klein.
Und dann gibt es andere Momente. Momente, in denen ich für ein paar Minuten im Dramamodus lebe und innerlich Abschied von meinem Leben nehme. Nicht, weil gerade etwas Gefährliches passieren würde, sondern weil die Angst plötzlich zu viel Raum in meinem Inneren einnimmt. Weil ich sie zu stark wahrnehme und mein Körper darauf reagiert.
Beides existiert nebeneinander. Die Faszination und die Angst. Und keine von beiden hebt die andere auf.
Angst kommt in Wellen – und sie geht auch wieder
Was ich über die Jahre gelernt habe: Flugangst ist kein Zustand, der konstant bleibt. Sie baut sich auf, erreicht einen Höhepunkt und lässt dann wieder nach. Oft nach 30 oder 40 Minuten – wahrscheinlich dann, wenn meine Stresshormone ausgegangen sind. Es dauert nicht immer gleich lang. Manchmal dauert es weniger, manchmal länger. Aber die Angst bleibt nicht auf diesem höchsten Niveau. Sie flacht immer ab.
Das zu wissen, hat etwas verändert. Es hilft mir, die Dinge richtig einzuordnen. Angst fühlt sich, wenn man mittenddrin steckt, wie ein Dauerzustand an, ist aber letztlich nur eine Welle von Gefühlen und Gedanken. Und Wellen gehen vorbei.
So weiss ich heute vor jedem Flug, dass ich wahrscheinlich für eine kurze Zeit Angst haben werde – vielleicht sogar das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren – und dass sich danach alles wieder beruhigt und ich den Rest des Fluges meistens sogar richtig geniesse.
Was die Flugangst beeinflusst
Ich habe gemerkt, dass Flugangst nicht isoliert entsteht. Sie hängt irgendwie zusammen mit Schlaf, mit Erschöpfung, mit dem allgemeinen körperlichen Zustand und mit Erwartungen. Es gibt Tageszeiten, an denen sie stärker ist, und andere, an denen sie kaum Raum einnimmt. Es gibt wohl einen Zusammenhang mit der Grundanspannung, die ich in den Tagen vor dem Fliegen habe. Bis ins letzte Detail weiss ich es aber nicht.
Und genau dieses Nicht-erklären-Können führt mich zu einer Erkenntnis: Wissen allein löst die Angst nicht auf. Zahlen, Statistiken, Erklärungen über Turbulenzen können zwar beruhigen, aber sie erreichen nicht alle Schichten der Flugangst. Angst ist vielschichtig und auch an Orten in unserem Körper und Geist verankert, wo Fakten nicht wirken.
Gedanken zulassen statt sie wegzudrücken
Was mir deshalb mehr geholfen hat als jede Recherche, war etwas anderes: Gedanken nicht sofort wegzuschieben, sondern sie zu Ende zu denken und mit ihnen zu spielen. Nicht endlos, nicht dramatisierend – aber ehrlich. Was genau macht mir gerade Angst? Und was wäre dann? Und würde ich das Gleiche empfinden, wenn ich gerade im Zug sässe?
Interessanterweise verliert Angst an Schärfe, wenn man sie nicht ständig unterbricht. Sie bleibt unangenehm, aber sie wird klarer. Und mit der Klarheit weicht oft die Panik.
Und es gibt auch Momente, in denen man keine Zeit hat für Angstgedanken – dann kann man sie auch mal stoppen. Bei mir funktioniert das am besten, wenn ich mir sage: «Sorry, bin gerade mit Wichtigerem beschäftigt. Kommt gerne später auf mich zurück».
Klingt seltsam – ich weiss – aber es funktioniert recht gut.
Nicht ohne Angst – sondern mit ihr unterwegs
All das heisst nicht, dass man sich der Angst einfach aussetzen und völlig ausgeliefert «durchhalten» sollte. Im Gegenteil. Für mich war entscheidend zu lernen, wie ich mit ihr umgehe – körperlich, gedanklich, ganz praktisch. Und auch, welche Rahmenbedingungen sie kleiner machen, ohne dass sie ganz verschwinden muss.
Darum geht es in den nächsten Teilen dieser Serie. Nicht um Angstfreiheit. Sondern um Handlungsfähigkeit trotz Angst.
Denn Reisen im Flugzeug muss nicht perfekt sein. Wir wurden nun mal nicht mit Flügeln geboren. Dass unser Körper in 10’000 Metern Höhe manchmal mit Angst reagiert, ist somit nichts Aussergewöhnliches. Entscheidend ist, dass diese Angst nicht unsere Reisepläne bestimmt, sondern uns die Chance lässt, wunderbare Orte in aller Welt zu entdecken.
Fliegen trotz Flugangst. Das ist möglich.
Weiter zu Teil 2: «Was mir bei Flugangst konkret hilft.»
Oder zu Teil 3: «Wie ich mich emotional auf einen Flug vorbereite.»
Reisen spielt seit vielen Jahren eine zentrale Rolle in meinem Leben – privat wie beruflich. Als Gründer der Reiseplattform VIAMÁS beschäftige ich mich täglich mit dem Unterwegssein, mit Neugier auf die Welt und mit den Hürden, die uns manchmal begenen.
Diese Serie ist ein persönliches Anliegen. Wenn du selbst mit Flugangst lebst oder eigene Erfahrungen teilen möchtest, freue ich mich über deinen Kommentar.

